Blindes Vertrauen 2.0 oder ...wie man mit seheingeschränkten/blinden Menschen Ski fährt ...ein Erfahrungsbericht von Melanie Ulmer

  20.12.2025

Am letzten November Wochenende 2025 durfte ich im tief verschneiten Kühtai (Tirol) meinen sportlichen und persönlichen Horizont um ein großes Stück erweitern und an einer „Ausbildung für alpine Skibegleitung von Blinden und Sehbehinderten“ des TSV Kareth-Lappersdorf teilnehmen.

Unter der Leitung der Ski Instructoren und Ausbildern Rolf Kroseberg und seinem Sohn Nico durften 9 interessierte, angehende Skiguides bereits am Freitagabend in die Theorie des Blindenskilaufs mit allen Infos, Tücken, Gefahren, Regeln und Kommandos einsteigen.

Früh am Samstag ging es dann in 2er-Trainingsgruppen direkt an die praktische Umsetzung des in der Theorie Erfahrenen und vor allem um eine echt spannende, sehr eindrückliche Selbsterfahrung.

Am Übungshang des über 2000m hoch gelegenen Kühtai, verbrachten wir den Tag am Übungshang, um alles Notwendige zu erlernen und ausführlich zu üben.

Die wichtigsten Hauptkommandos „Geht, geht..“ (bedeutet: geradeaus fahren), „...und hopp geht...“(bedeutet: Kurve-geradeaus), „...halt!“(bedeutet: anhalten). Diese akustischen Kommandos spricht der Vorausfahrende in das Microphon des Headsets und es wird über den Rückenlautsprecher direkt an den hinten fahrenden blinden/ sehbehinderten Skifahrenden weitergegeben.

Die Ansagen müssen demnach laut, klar und präzise sein! „Laut“ für mich schon mal kein Problem :)!

Man ist also nicht, wie beim Tandem-Laufen über Gummireif oder Seil, verbunden. Sondern nur durch diese akustischen Kommandos bekommt der hinten Fahrende seine Richtungsanweisungen und sonstige Informationen mitgeteilt. Für mich sehr ungewohnt und eine doch spezielle Erfahrung, die mich durchaus große Überwindung gekostet hat - sowohl als Führende, als auch als quasi blinde/ sehbehinderte Hintendreinfahrende.

Die weiteren Absprachen zwischen dem blinden, sehbehinderten Skifahrenden und dem Guide sind mitunter sehr individuell - wie bei unserem Tandem-Laufen eben auch! Da entwickelt dann jedes Ski-Tandem seinen „eigenen Stil“!

Die Selbsterfahrung mit unterschiedlichen Brillen (Nebel, Lochoptik oder Randblindheit) die verschiedene Sehbehinderungen bis hin zur Vollblindheit  simulieren, ist schon etwas sehr Eindrückliches und verlangte sowohl vom „eigentlich“ sehenden Probanden, als auch vom Neu-Skiguide in Ausbildung viel Vertrauen, Mut und Überwindung ab. Wer schon mal bei totalem Nebel mit 0,0 Sicht eine Skipiste bewältigen musste, kann sich so annähernd ein bisschen in die Situation einfühlen und sich vielleicht auch vorstellen, welche Überwindung es kostet, dem Führenden „blind“ zu vertrauen.

Danke Thom für deine Geduld mit mir Angsthase!!

Alle 9 Schulungsteilnehmenden bekamen schon an diesem Übungshang die Möglichkeit mit dem sehr erfahrenen Haupt-Übungs-Probanden Markus zu fahren. Markus ist stark sehbehindert, fährt aber schon seit seiner Kindheit sehr gut Ski und ist als Proband seit vielen Jahren dem Verein in der Ausbildung eine große Hilfe.

Tatsächlich war es mit Markus dann doch etwas einfacher umzusetzen. Obschon er  eben sehr erfahren ist und weder „einfach umkippt“ oder (wie wir!!) das Gefühl verliert, ob er fährt oder steht. Unter dem geduldigen Coaching und mit anschließendem Feedback von Rolf und Nico ist es allen Teilnehmenden gelungen, Markus heil den Hang hinunter zu begleiten. Und es hat soooo viel Spaß gemacht!

Da am gleichen Wochenende parallel ein Trainingswochenende des Fördervereins des TSV Kareth-Lappersdorf für andere blinde und seheingeschränkte Skibegeisterte stattfand, haben sich noch weitere Übungs-Probanden gefunden.

Video: Die sehbehinderte Christine und ich vorne weg...Danke dir, Christine!

Die Feedback-Runde am Samstagabend fiel für alle Teilnehmenden ähnlich aus. Orientierungslosigkeit, Gefühlsverlust fürs Fahren oder Stehen. Gleichgewichtsstörungen waren die Hauptbegriffe, mit denen wir 9 Teilnehmenden unsere Selbsterfahrungen des Tages beschrieben.

Aber auch Freude, Faszination, großen Respekt und Dankbarkeit für das wirklich „blinde“ Vertrauen unserer Trainingspartner.

Am Sonntag ging es dann ans Eingemachte.

Doch fühlte es sich zwar sehr wie kaltes Wasser an, eine echt lange, roten Piste mit viiiiiielen anderen Skifahrern auf teilweise eisigem Terrain, das neu Erlernte zu üben. Ob skifahrende Kinder, die hinfallen oder unerwartet Haken schlagen oder Snowboarder, die sich plötzlich Mitten auf die Piste setzen...Das hatte schon so seine Tücken. Man muss/ sollte noch sehr vorausschauender fahren, als eh schon und an alle Eventualitäten denken. Nicht immer einfach; eine echte Challenge!

Mit großem Respekt und teilweise den Hosen voll durften wir nun wieder im Wechsel mit Markus und den anderen sehbehinderten Skifahrenden das Guiden üben.

Danke an Rolf und Nico für das direkte und ehrliche Feedback. Das hat sehr in der verbesserten Umsetzung geholfen. Und so konnten bis zum Mittag alle Neu-Ski-Guides ihre Erfahrungen sammeln und auch die Ausbildung erfolgreich abschließen. Alle heil geblieben!

Eine echt eindrückliche, neue und spannende Erfahrung! Skifahren und das Erleben der Berge und der Umgebung mal ganz anders.

Wie schon beim Tandem-Laufen nimmt man seine Umgebung mit allen Sinnen und viel intensiver wahr.

Es ist damit eine Herausforderung und es bedarf noch viel Übung. Aber auch hier gilt ab jetzt: einfach machen!! Weiter „learning by doing“ für alle 9 neuen Ski-Guide-Begleitläufer*innen. Viel Erfolg und Spaß für alle!

Für mich im Speziellen gilt das schon Ende Januar 2026 im Rahmen einer Wochenendausfahrt nach Südtirol mit dem TSV Kareth-Lappersdorf.

Mit Michaela Kummer, ehemalige Para-Marathonläuferin und Bekannte aus dem Liwa-Tandem-Laufen, darf ich das Ski-Guide-gelernte in die Tat umsetzen.

Darauf freue ich mich schon sehr!

Vielen Dank an das gesamte Team des TSV Kareth-Lappersdorf!

Es war mir ein Fest!

Eure Meli

 

blind.ski  oder  www.tsv-karethlappersdorf.de

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