Crossing Switzerland - 400km /25.000hm – Gefinished - Nothing Else Matters!

  04.08.2026
Unser Extrem-Ultra-Läufer Kalle berichtet von seinen Erlebnissen beim Crossing Switzerland 2026

Der Crossing Switzerland ist, wie der Name schon beinhaltet, ein außergewöhnlicher Ultra-Trail Run, quer durch die Schweizer Alpenwelt, von Rheinufer in Bad Ragaz an der Liechtensteiner Grenze bis nach Montreux zur Perle der Riviera am Genfer See. 

Ein Nonstop-Lauf über 400 Kilometer mit 25.000 Höhenmeter hoch und auch wieder runter, durch sieben Schweizer Kantone, über 16 alpine Pässe hinüber und einigen der bekanntesten Orte der Alpen, bei einem Zeitlimit von 176 Stunden.

Die Route startete in Bad Ragaz in der Ostschweiz, im Herzen des Heidi Lands und führte vorbei an einigen der bekanntesten Alpenorte des Landes: Tamina-Schlucht, Engelberg und der Titlis, Grindelwald, Kleine Scheidegg mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau, Lauterbrunnen mit dem berühmten Staubbachfall, sowie vorbei am wunderschönen Oeschinensee.

Ich habe sicher schon viele spannende Laufprojekte, mit für die meisten kaum vorstellbaren Dimensionen, erfolgreich gemeistert. Doch dieser Crossing Switzerland forderte auch von mir mehr als nur Durchhaltevermögen. Es war keiner dieser üblichen Etappenläufe mit täglich festgelegten Distanzen, einem festen Zielort und am nächsten Morgen laufen wieder alle zusammen los. Hier gab es nur ein Zeitlimit von 176 Stunden, in welchem man die gesamte Strecke bewältigt haben muss, unter dem Motto – Nothing Else Matters – nichts anderes zählt!

Am Sonntag, 19. Juli, versammelten sich 335 verwegene Läuferinnen und Läufer aus aller Welt, um sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Mittendrin ich sowie Gaby Marek-Schmid, Erwin Bauer und Jürgen Zach vom Albtraum100 e. V. Mit ihnen bin ich angereist. Ich hatte mich relativ kurzfristig für eine Teilnahme entschieden und den Startplatz erst Mitte Mai über die Warteliste übernommen. Entsprechend mäßig war dann auch meine Vorbereitung darauf. Was soll’s, dachte ich mir, dann muss es eben die Erfahrung richten. 

Der Start erfolgte am Sonntag, dem 19. Juli, um 8:00 Uhr in Bad Ragaz. Ab jetzt hatten alle Teilnehmer 176 Stunden (8 Tage) Zeit, um das Ziel in Montreux zu erreichen. Auf dem Weg dorthin gab es im Durchschnitt alle 20–30 Kilometer eine Verpflegungsstation und insgesamt sechs sogenannte Basecamps, an welchen ein längerer Aufenthalt möglich war. An den ersten drei Stationen betrug die Aufenthaltszeit jedoch maximal 5 Stunden, an den restlichen dann jeweils 6 Stunden, bis man das Camp wieder verlassen haben musste. Diese Zeiten konnten genutzt werden zur Körperpflege, Essen, Schlafen, zum Wechseln der Kleidung, Aufladen aller Akkus (Handy, Uhr, Tracker, Stirnlampe, etc.), zur Physiotherapie oder auch zur medizinischen Versorgung. Und das alles meistens in sehr beengten Räumlichkeiten. 
Die Trails waren von Beginn an fordernd. Am ersten Tag regnete es vom Start weg. Schnell wurden die schmalen Bergpfade zu fließenden Gewässern. Nach etwas mehr als 15 Stunden erreichte ich das erste Base Camp in Rüti (79 km/5.500 hm). Das ständige Laufen im Wasser hatte auch prompt zu ersten Blasen an den Füßen geführt. Dank des medizinischen Service, konnte ich solche kleineren Problemchen direkt behandeln lassen. Ansonsten hatte ich mir meinen Ablauf in den Base Camps klar festgelegt. Mein Plan ging auch meistens gut auf, nur durch das ständige Kommen und Gehen mit allen Geräuschen, die dazugehören, war erholsames Schlafen das, was am schlechtesten funktionierte.
Also aufrödeln und weiter. Ich wollte die junge Nacht nutzen, um den nächsten langen Aufstieg anzugehen. Mittlerweile hatte es aufgehört, zu regnen. Doch in der Nacht wurde es schnell recht kühl. Das Feld hatte sich schon ziemlich auseinandergezogen. Ich war überwiegend allein unterwegs. Die anderen drei Albträumer waren wenige Stunden hinter mir. Dann der erste Sonnenaufgang in den Alpen. Ein warmer Schauer durchfloss meinen Körper. In dem Moment war das richtig schön, doch die Wärme nahm im Laufe des Tages doch etwas zu schnell zu. 
Nach nicht ganz 27 Stunden erreichte ich das 2. Base Camp in Altdorf (120 km/7.300 hm). Es war später Vormittag, die Müdigkeit hielt sich noch in Grenzen, dennoch entschied ich mich etwas länger zu verweilen, um beim nächsten steilen Anstieg der Mittagshitze zu entgehen. Schlafen? Na ja, a bissle halt. 
In der folgenden Sektion lief ich erstmals die komplette Nacht hindurch. Es zogen wieder Wolken auf, und Feuchtigkeit sowie dichter Nebel erschwerte das Navigieren in der Dunkelheit. Es ging mir körperlich noch gut, die Blasen an den Füßen nervten zwar, ich konnte diese Schmerzen jedoch akzeptieren und überwiegend ausblenden. In dieser Nacht waren das Rauschen zahlreicher Wasserfälle und tausende Augenpaare aus Kuh- und Schafherden meine stetigen Begleiter. Nach 47, 5 Stunden Gesamtlaufzeit kam ich am frühen Morgen bei 186 km / 11.200 hm im 3. Base Camp in Meiringen an. Hier wollte ich die vollen 5 Stunden Aufenthalt auskosten und mind. 2,5 Stunden schlafen. Da der Schlafsaal (Sporthalle) hier mal etwas geräumiger war, funktionierte es auch etwas besser. Trotz der etwas harten Turnmatten wurden es doch fast 2 (unruhige) Stunden. Ziemlich genau um die Mittagszeit setzte ich die Tour fort. Das nächste Camp war in Lauterbrunnen. Bis dorthin eroberte ich die große Scheidegg und die kleine Scheidegg. Beim Abstieg von der kleinen Scheidegg hinunter nach Wengen, erstrahlte das Massiv um Eiger, Mönch und Jungfrau im Abendrot. Einer dieser zahlreichen Momente, in denen wir Trail-Runner auch mal anhalten, durchatmen und genießen.  Mit Einbruch der Dunkelheit verschwand ich in Base Camp Nr. 4 in Lauterbrunnen (230 km/14.000 hm). Nach 61,5 Stunden war etwas mehr als die Hälfte geschafft. Hier hätte ich mich 6 Stunden aufhalten dürfen. Ich war zwar recht müde, kam aber auch hier nicht so richtig zur Ruhe und setzte meine Reise schon 4,5 Stunden später fort. Die kommende Sektion war dann die vermutlich schönste, aber auch anstrengendste. Auf gut 50 km waren über 5.000 hm hoch und runter zu bewältigen. In der Nacht arbeitete ich mich über Mürren hoch zum Sefinafurgga Pass. Beim Aufstieg zum Pass ging gerade die Sonne auf. Allein das war schon unglaublich schön. Doch plötzlich sah ich nur gut 100-200 Meter von mir entfernt ein ganzes Rudel Steinböcke stehen, die ebenfalls den Sonnenaufgang genossen. Waren das erste Halluzinationen? Nein, ich hatte alle Ruhe und Zeit der Welt, um diese Tiere zu fotografieren. Herzklopfen! Was für ein einmaliger Moment. Doch ich musste meine Reise fortsetzen. In der Folge kam der vermutlich steilste Aufstieg zum Hohtürli Pass auf 2.778 m ü.NN. Leider brannte mir hier permanent die volle Mittagssonne ins Genick. Ich glühte richtig, als ich endlich oben am Pass ankam. Auf der anderen Seite ging es dann sehr steil runter in Richtung Oeschinensee. Ein Bergsee, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Am oberen Rand des Sees war ich dann doch so müde, dass ich mich in die Wiese legte und mich von den Kuhglocken spontan in die Traumwelt wegschießen konnte. Keine Ahnung wie lange, vielleicht 15–20 Minuten, die aber wirkten wie eine ganze Nacht.  Aufstehen, schütteln, am nächsten Strandcafé ein kühles Bierchen zippen und weiter ging es bis zur nächsten kleineren Verpflegungsstation im Ort Bundlap an. Es war ein Gemeindezentrum. Dort gab es zusätzliche Schlafmöglichkeiten in einem abgedunkelten Raum. Die Hitze hatte mir etwas zugesetzt. Ich war müde und nutze die Gelegenheit dort, um mich für gut eine Stunde hinzulegen. Zumal es draußen immer noch sehr warum war. 

Richtig gemacht, denn danach konnte ich den nächsten Pass, die Bunderschrinde, weitestgehend im Schatten besteigen. Nach nunmehr 85,5 Stunden erreichte ich das fünfte Base Camp bei 285 km/18.500hm, einen Bunker in Adelboden. Ich war zu diesem Zeitpunkt irgendwo zwischen Rang 50 und 60 im Feld platziert. Im Bunker war es sehr beengt, viel zu warm und nur eine Dusche/WC für alle verfügbar. Entsprechend nachlässig waren die hygienischen Verhältnisse, zumal das Immunsystem zu diesem Zeitpunkt auch ziemlich im Keller war. Aber das Schlaflager war einigermaßen okay. Es gab sogar mal ein Kopfkissen. Und tatsächlich reize ich hier die vollen 6 Stunden aus. Aber ich merkte, dass es mir nicht mehr ganz so gut ging. Ich konnte kaum etwas essen, bevor ich mich auf die letzten 110 Kilometer mit noch 6.500 hm aufmachte. Mein Darm begann an zu rebellieren, und die Müdigkeit nahm zu. Das alles wirkte sich auch auf die Konzentrationsfähigkeit aus, die man in diesem Gelände kaum vernachlässigen durfte. Ich legte mich nochmal für ein paar Minuten auf eine Bank, nahm auch einiges ein, was gegen Magen-Darm-Beschwerden helfen sollte. Am ersten Verpflegungspunkt nach dem Base Camp legte ich mich abermals für gut 20 Minuten ins Gras. Dort gab es auch eine Gemüsesuppe, die sehr wohltuend war. Und weiter ging’s. Im Laufe des Tages schien ich die Darmbeschwerden einigermaßen kontrollieren zu können. Doch ich konnte kaum noch feste Nahrung zu mir nehmen. Auf zwei Berghütten gönnte ich mir jeweils ein kühles Radler, das half dann doch, den Körper in Laune zu halten. So schaffte ich es, mich noch einigermaßen anständig bis zum letzten Base Camp in Les Diablerets (343 km/22.000 hm) durchzukämpfen. Hier hoffte ich, mich noch einmal etwas regenerieren und den Magen-Darm-Trakt beruhigen zu können. Aber hier war dann das kleinste aller Base Camps. Sich umdrehen fast unmöglich. Sehr, sehr eng und ein Matratzenlager, welches ebenfalls sehr eng und überheizt war. Ich nutze auch hier die Physio und den Medical Service, um meine ziemlich belasteten Füße behandeln zu lassen. Essen war schwierig. Ich hatte zwar Appetit, bekam aber nichts runter.  Was soll's, sind ja nur noch 55 km bis nach Montreux. Nach nur 3 Stunden Aufenthalt stand ich wieder draußen auf der Strecke. 

Was folgte, war eine wahre Tortur. Sobald ich nur einen Schluck irgendetwas zu mir nahm, musste ich diesen ein paar Minuten später wieder an die Bergwelt abgeben. Das ging in der Folgezeit durchgehend so. Ich wanderte  jetzt nur noch im Notbetriebsmodus. Ständig musste ich ein Plätzchen suchen, um mich zu erleichtern. Ich hatte keine Körner mehr und konnte auch keine mehr zu mir nehmen. Auf diesen 55 km waren auch noch etwas mehr als 3.000 positive hm und über 4.000 hm im Downhill zu bewältigen. Es wurde zunehmend wärmer und wir befanden uns in einem Abschnitt, in welchem es so gut wie gar keine fließenden Quellen oder Bäche zum Erfrischen gab. Aber ich konnte noch einen Fuß vor den anderen setzen. Trotz dieser besch…. Umstände kam ich voran. Es war mittlerweile Freitag, also war ich den 5. Tag unterwegs. Ich hatte noch dieses Feuer in mir, die Freude, es bis hierhin geschafft zu haben. Ich wusste, dass ich fast 2 Tage Vorsprung vor dem Cut-Off hatte und entwickelte einen unbändigen Willen, das Ziel an diesem Tag noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen zu wollen. Nach und nach wurde ich von mehreren Läufern überholt, die sich alle nach meinem Wohlbefinden erkundigten und Hilfe anboten, sofern sie hätten etwas zu meiner Besserung beitragen können. Nichts half, außer weiterzugehen. Der Tag wurde länger und länger, dem letzten Pass, dem Rochers-de-Naye, folgte ein teils halsbrecherisch steiler Abstieg nach Montreux, der gefühlt nicht enden wollte. Alles in mir brannte! Aber das Ziel vor Augen ließ auch die Erinnerungen an die vergangenen Tage aufblitzen. Gedankenwelten, die von den körperlichen Leiden ablenkten und in mir noch vor der Ziellinie Stolz und Dankbarkeit aufkommen ließen. 

Es ist Freitag, kurz nach 17 Uhr, sozusagen Prime Time in den Cafés in Montreux. Auf dem letzten Kilometer an der Promenade des Genfer Sees entlang genoss ich den spärlichen Applaus und die hochachtungsvollen Zurufe der Zuschauer und Spaziergänger. Gedanken verschwommen spazierte ich die letzten Meter, an der Freddie Mercury Statue vorbei, über die Zielmatte und wurde dort 129:15:09 Stunden nach dem Start im 400 km entfernten Bad Ragaz vom Organisator des Rennens, Paul van der Linden, persönlich in den Arm genommen. 

Gekämpft, gelitten, Grenzen überschritten - Gefinished - Nothing Else Matters! 

Meine Emotionen hielten sich in diesem Moment sehr in Grenzen, ich wusste zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht, wie ich diese Woche, diese Leistung überhaupt, für mich einsortieren musste. Kurz nach Empfang der Finisher-Medaille begann ich wieder mit der üblichen Routine. Duschen, frisch einkleiden, Physiotherapie, Ärzte Team wegen der Füße und den Magen-Darm-Beschwerden aufsuchen und einen weiteren Versuch etwas zu essen und trinken. Müde fühlte ich mich mehr oder weniger gar nicht. In der Wertung hatte ich mich ich als 72. Insgesamt und 64. bei den Männern eingereiht, also immer noch weit im vorderen Drittel aller Gestarteten.  

Meine 3 Freunde vom Albtraum100 e.V. waren eine Nacht länger unterwegs und liefen am Samstagvormittag nach 145:52:29 Stunden Laufzeit gemeinsam durchs Ziel. Sie sind die komplette Strecke zusammen als Gruppe gelaufen. Am Ende gehörten auch Sie zu den stolzen 192 Finishern (von 335 Gestarteten) dieses einzigartigen Abenteuers.  

Auf die Frage, ob ich so etwas nochmal laufen würde? Ich weiß jetzt zumindest, dass ich es könnte…. 

Kalle

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