Berliner Mauerweglauf am 13.+14.08.2022
  05.09.2022

Nachdem meine ersten 100 Meilen bei der TorTour de Ruhr Anfang Juni 2022 unter dem Strich ganz gut gelaufen sind, auch wenn ich einiges an „Lehrgeld“ gezahlt hatte, war meine Vorfreude zunächst riesig. Aber ein paar Wochen vor Berlin fing mein linkes Knie an unter Belastung weh zu tun. Mit der Folge, dass ich die ersten km fast humpelte – zum Glück wurde es ab km 3-5 dann etwas besser, aber Spaß beim Laufen ist was anderes… Deshalb reduzierte ich auch meine Laufumfänge ab Mitte Juli auf ¼ des sonstigen Umfangs. Lange Läufe jenseits der 10km waren gar nicht  drin. Und dann hatte ich in der ersten Augustwoche auch noch Corona. Oje, dachte ich…

Aber es kam alles ganz anders. Corona war ein halblebiger Schnupfen und anschließend konnte ich wieder 20-30km fast beschwerdefrei laufen – mehr habe ich mich nicht getraut. Wollte mein Glück nicht sofort herausfordern. Also ging ich mit der Einstellung nach Berlin: „Ich laufe soweit es die Knie zulassen und wenns nicht sein soll, dann breche ich ab.“ Und dann ging es um 6h00 bei 23°C los.

Bereits nach km1 meldete sich mein Knie und bis km9 stetig zunehmend und Laufen machte bereits keinen Spaß mehr und ich war bereit dazu abzubrechen, wenn mein Körper mir das Stop-Signal dazu gibt. Ich dachte bis km20 oder 30 komme ich vielleicht. Aber wie durch ein Wunder verschwanden die Beschwerden bis km10 fast komplett und ab km40 war ich komplett beschwerdefrei – was für ein Glück, ich konnte es kaum fassen und schwebte auf „Wolke sieben“ nach und nach an vielen Läufern vorbei.

Ab Verpflegungspunkt (VP) 10 bei km54 war Radbegleitung erlaubt. Meine Familie erwartete mich und mein 15-jähriger Sohn Matthias begleitete bis km93. Es war die wärmste Zeit des Tages, aber meistens war es bewölkt und die Sonne brannte nicht so schlimm wie prognostiziert, aber der Wasserbedarf war trotzdem enorm. Bis zum Ziel habe ich ca. einen ¾ Kasten Vitamalz getrunken und die gleiche Menge Wasser. Pinkeln? Nein – Schwitzen !!! Aber glücklicherweise waren die Tageshöchsttemperaturen bei nur ca. 30°C und der Himmel war bis ca. 15h30 die meiste bedeckt. Ursprünglich war Sonnenschein und 33°C angekündigt. 

Mit dem Essen kam ich dieses Mal viel besser zurecht als bei der TorTour de Ruhr. Ich konnte bis zum Ziel immer feste Nahrung zu mir nehmen und es schmeckte. Meine Nahrung bestand aus Oliven, Melone, Mango, Orange, Zitrone, Weißbrot mit Frischkäse, Cräckern, Salzstangen, Datteln und einigen Hafer-Honigriegeln.

Bei ca. km100 verlief ich mich – und zwar richtig! Die Wegekennzeichnung war echt übel in diesem Bereich! Wir, mein 18-jähriger Sohn Thomas und ich, mittlerweile begleitete er mich, sahen zuletzt einen Pfeil geradeaus und an besagter kritischer Stelle dann auf der anderen Straßenseite einen Pfeil, der in einen Fahrradweg hineinzeigt. Also sind wir natürlich dorthin – das war fatal! Wir merkten den Fehler nur, weil mittlerweile der nächste Verpflegungspunkt seit ein paar km überfällig war und begannen andere Läufer danach zu fragen. Die 2-3km zurück und die anschließenden km nach dem VP waren für mich die härtesten bei diesem Lauf. Die zusätzlichen km machten dieses Teilstück natürlich extra-lang bis zur Gehpause. Vor lauter Frust konnte und wollte ich nur noch gehen. Der Umweg und der Frust haben mich rund 45min gekostet… Aber letztendlich gelang es mir meinen Frust gedanklich bei einem Baum im Wald zu lassen und dann bin erleichtert weitergelaufen! Und wie, es lief auf einmal wie von alleine – nicht super schnell – so zw. 6min30s und 7min pro km, aber es hat wieder so richtig Spaß gemacht!

Ab 22h00 war dann Laufen im Lichttunnel der Lauflampe angesagt und der Spaßfaktor sank deutlich! Ich war jetzt gottfroh, dass mein Sohn sich um die Navigation kümmerte!!! Es gab jetzt lange Abschnitte im Wald ohne Markierung, z.T. auch richtig schöne Trailw auf Waldboden, aber eben sehr  schlecht markiert, so dass Thomas ständig auf dem GPS-Track überprüfen musste, ob wir auf dem richtigen Weg unterwegs sind. Dann regnete es einige Male, nicht sehr lange und stark, aber es reichte, um asphaltierte Straßen in eine Dampfbad zu verwandeln. Abgekühlt hatte es kaum. Dann kam wieder Stadt und Industriegebiet. Es ging teilweise endlos lange geradeaus – hier war es echt totlangweilig. Zum Glück waren es jetzt nur noch rund 20-25km bis zum Ziel. Mittlerweile lief ich zusammen mit Giulia, einer jungen Italienerin. Wir lachten viel zusammen und das ließ uns die mühsamen letzten km viel leichter bewältigen!

Auf den letzten 5-10km hatte ich so einen „Wadenbeißer“ hinter mir. Der Herr, ähnliches Alter wie ich, lief deutlich langsamer als ich, aber ich konnte ihn nicht abhängen, weil ich immer (!) an den Ampeln warten musste und wenn er kam schaltete sie auf grün – ich war so was von genervt… ! Und als ob es nicht reichte, dass ich diesen Kerl nicht abschütteln konnte, war die Strecke (wir waren genau auf dem GPS-Track) plötzlich durch einen massiven 2,5m hohen Bauzaun versperrt.  Zusammen mit zwei anderen Läufern und dem „Wadenbeißer“, der wegen dem Bauzaun natürlich WIEDER zu mir aufgeschlossen hatte, habe ich 5min lang nach Möglichkeiten gesucht den Bauzaun zu umgehen, aber es gab nichts. Wir beschlossen also umzukehren und uns blieb keine andere Wahl, als das ganze Areal zu umlaufen. Zusammen mit der Sucherei waren das nochmals 2-3 extra km. In Natürlich warnten wir die entgegenkommenden Läufer und so wuchs unsere 4er Gruppe zu einem Haufen mit 15-20 Läufern an und bei den später dazugestoßenen mobilisierte die Chance noch einige Leute überholen zu können die allerletzten Reserven und das Tempo zog jetzt höllisch an. Mein Sohn war super genervt: „Mann, Papa lauf schneller, das geht doch nicht, dass all die Leute die so weit hinter dir waren dich jetzt überholen.“

Zum Glück hatte ich noch richtig Power und weder Gelenke noch Bänder zwickten besonders, aber ich wollte erst dann Gas geben, wenn ich genau wusste, wie lange ich noch zu laufen hatte und das konnte mir mein Sohn wegen der „Bauzaunumleitung“ nicht richtig sagen… Aber irgendwann erkannte ich an den Gebäuden, dass wir uns dem Ziel-Start-Bereich beim Erika-Hess-Stadion näherten – was für eine Erleichterung und dann  ließ ich all der angestauten Energie und dem Frust freien Lauf und plötzlich schien es, als ob die Läufer neben mir stehen würden. Innerhalb einer Minute hatte ich alle überholt, die früher angezogen hatten und an mir vorbei waren. Und dann ging es in die Stadionrunde, ich sah meine ganze Familie. Das gab mir zusätzlich Kraft und ich konnte noch einen Zahn zulegen und überholte noch einige Läufer. Den letzten km lief ich deutlich unter 5min.  Ich war selbst überrascht, welche Kräfte ich nach diesem knapp 170km und 21h38min noch mobilisieren konnte.

Nach 1-2min durchatmen gab es das langersehnte Ziel-Bier ! Tat das gut !!!

Als wir mit dem Auto zurück zur Unterkunft fuhren, es war 4h morgens, hatte es immer noch 26°C.

erstellt von Uli Maier

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